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Ein oft gemachter Denk­fehler bei grünem Strom

von Redaktion
5. Juni 2026
in Allgemein
Foto: Simonis

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Georg Patay bleibt auch als aktiver Pensionist der SHK-Branche verbunden und kommentiert mit seiner mehr als 30jährigen HLK-Expertise in unterschiedlichen Managementfunktionen und Verbänden exklusiv für SHK-AKTUELL unterschiedliche Haustechnikthemen aus seinem Blickwinkel.

Schon während meiner Schulzeit war jedem Schüler der grundlegende Unterschied zwischen einem Notendurchschnitt und einer Einzelbewertung in einem Unterrichtsfach bekannt. Eine schlechte Einzelnote – etwa in Latein – kann rechnerisch zwar durch gute Noten in Turnen, Musik oder Religion ausgeglichen werden, solange nur der Durchschnitt zählt.
Wird jedoch die Regel eingeführt, dass ein „Nicht genügend“ den Aufstieg verhindert, reicht ein guter Durchschnitt nicht mehr aus, um in die nächste Klasse zu kommen. Bei der Produktion von grünem Strom konzentriert sich die öffentliche Kommunikation fast ausschließlich auf Jahresenergiemengen statt auf Versorgungssicherheit. Der forcierte PV- Ausbau wird derzeit häufig damit begründet, dass mit den Erneuerbaren der Strombedarf im Jahresdurchschnitt bereits fast zu 100 % gedeckt werden könne. Man meint, die Richtung stimmt. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Für eine unterbrechungsfreie Stromversorgung ist nicht der Jahresdurchschnitt entscheidend, sondern eine sichere Vollversorgung zu jedem Zeitpunkt. Von einer zeitlich durchgehenden 100% Vollversorgung mit Grünstrom sind wir aber noch meilenweit entfernt.

Durchschnitt versus Vollversorgung
Die IEA prognostiziert in ihrem Bericht „Renewables 2025 – Analysis and Forecast to 2030“, dass erneuerbare Energien bis 2030 mehr als 90 % des Nachfragewachstums im Stromsektor decken könnten.
Auch diese Aussage basiert auf einer rein bilanziellen Jahresbetrachtung. Wind- und Solarenergie sind fluktuierende Energiequellen, deren Produktion von Wetter, Tageszeit und Jahreszeit abhängt. Die Stromerzeugung erfolgt nicht synchron zur tatsächlichen Nachfrage. Die Folge sind Überproduktionen (bei Hellbrisen) oder Unterdeckungen (bei Dunkelflauten). Diese Ungleichgewichte müssen durch regelbare Kraftwerke, Speicher, Netzausbau, Sektorkopplung sowie dynamische Nachfrageanpassungen ausgeglichen werden.

Das „Girokonto“-Prinzip
Die Stromversorgung hat sich zunehmend von einem verbrauchsorientierten zu einem produktionsorientierten System gewandelt.
Das ist eine fundamentale Veränderung und erfordert einen tiefgreifenden Umbau bestehender Modelle. Ideen für eine solche Neukonzeption lassen sich aus dem Finanzsektor ableiten. Beim klassischen Sparbuch-Prinzip mit vollständiger „Finanzautarkie“ müsste ein Unternehmen seinen gesamten jährlichen Cashflow permanent vorhalten. Das wäre eine teure und unrealistische Finanzierungsform, denn ein Sparbuch kann nicht überzogen werden. Es muss jederzeit ausreichend Kapital vorhanden sein, um sämtliche Zahlungen leisten zu können – vergleichbar mit einer 100-prozentigen Energieautarkie. Ein Girokonto hingegen ermöglicht kurzfristige Überziehungen, um die Liquidität sicherzustellen. Die Kosten dafür sind zwar höher als bei langfristigen Krediten und Guthaben werden geringer verzinst als bei einem Sparbuch – entscheidend ist jedoch: Die Zahlungsfähigkeit bleibt erhalten. Übertragen auf die Stromwirtschaft bedeutet dies, dass Produktionsschwankungen der Grünstromerzeugung durch zusätzliche Ressourcen ausgeglichen werden müssen – etwa durch regelbare Kraftwerke, leistungsstarke Netze, ausreichend Speicher, Importe/Exporte oder eine gezielte Angebots-/Nachfragereduktion. Nur durch diese vernetzte Herangehensweise lässt sich Versorgungssicherheit lückenlos gewährleisten. Ohne dem Prinzip des Girokontos wären viele Unternehmen trotz positivem Jahresergebnis unterjährig zahlungsunfähig. Genauso ist auch ein forcierter Ausbau von Photovoltaik- und Windkraftanlagen noch kein Garant für eine sichere Energieversorgung. Was fehlt, ist ein definierter „Überziehungsrahmen“ (Regelkapazität).

Schlussfolgerung
War es früher üblich, die Stromproduktion durch regelbare Kraftwerke an den tatsächlichen Verbrauch anzupassen, wird dies mit dem steigenden Anteil volatiler erneuerbarer Energien zunehmend schwieriger. Der Engpass verschiebt sich: weg von der installierten PV- und Windleistung, hin zur zeitlichen Verfügbarkeit, Systemstabilität und Resilienz gegenüber Extremsituationen. Durchschnitt bedeutet immer Mittelmaß und Mittelmaß ist für die Stromversorgung eines Industriestandortes keine Option. Was es braucht, ist eine Neukonzeption: Ein versorgungssicheres Energiesystem benötigt kein „autarkes Sparbuch“, sondern ein flexibles „Energie-Girokonto“.

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