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„Standardisierungen sind dynamische Prozesse“

von Christian Klobucsar
6. August 2026
in Allgemein
Foto: Klobucsar

Foto: Klobucsar

Wie lassen sich im Bauwesen und in der Haustechnik Kosten sparen? Aktuelle Diskussionen zeigen, dass die Entschärfung von Vorgaben und Normen ein Schlüssel dazu sein könnten. Doch was würde dies konkret bedeuten? SHK-AKTUELL hat dazu bei Austrian Standards nachgefragt.

In den letzten Monaten waren Branchentalks, Stammtische und Expertentreffen in der Haustechnik geprägt von der Suche nach Lösungsansätzen gegen die Bauflaute. Dabei ging es natürlich auch immer wieder um die drastisch gestiegenen Kosten. In Deutschland haben einzelne Pilotprojekte rund um den „Gebäudetyp E“ gezeigt, wie es kostengünstiger ginge. Ob dies einen Weg aus der Baukrise bedeuten könnte, oder ob es eine gefährliche Entwicklung ist, hat SHK-AKTUELL direkt an der Quelle der heimischen Baurechtssicherheit recherchiert. Nachfolgend unser Gespräch mit Stefan Wagmeister, Team-Lead „Standards für das Bauwesen“ bei Austrian Standards.

Herr Wagmeister, was versteht Austrian Standards unter „Bauen außerhalb der Norm“?

Stefan Wagmeister: „Bauen außerhalb der Norm“ bedeutet für uns nicht regelwidriges Bauen. Gemeint ist vielmehr, bestehende Spielräume bewusst zu nutzen und alternative Lösungen zu entwickeln, die das gleiche Schutzniveau erreichen. Normen stellen in der Regel den Stand der Technik dar und bieten einen bewährten Weg, Anforderungen an Sicherheit, Qualität und Funktion zu erfüllen. Sie sind aber nicht der einzige mögliche Weg, sofern gesetzliche Schutzziele eingehalten werden.
Gerade Innovation entsteht häufig zunächst außerhalb etablierter Normen. Bewähren sich neue Lösungen in der Praxis, sollten diese Erfahrungen möglichst rasch in die Standardisierung einfließen. So profitieren nicht nur einzelne Projekte, sondern die gesamte Branche von neuen Erkenntnissen.

Welche Herausforderungen im aktuellen Normensystem haben den Diskussionsbedarf ausgelöst?

ie Diskussion wird verständlicherweise von den stark gestiegenen Baukosten geprägt. Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, die Ursachen ausschließlich bei den Normen zu suchen. Baukosten entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel von Grundstückspreisen, gesetzlichen Vorgaben, Material- und Personalkosten, Energieanforderungen sowie technischen Regelwerken.
Aus unserer Sicht braucht es deshalb eine faktenbasierte Analyse der tatsächlichen Kostentreiber. Erst wenn klar ist, welche Anforderungen welchen Aufwand verursachen und welchen Nutzen sie bringen, lässt sich seriös beurteilen, wo Vereinfachungen sinnvoll sind und wo nicht. Gleichzeitig sollte immer der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes betrachtet werden. Niedrigere Errichtungskosten dürfen nicht zu höheren Betriebs-, Instandhaltungs- oder Folgekosten führen.

Im SHK-Bereich wird Normenzwang oft als Kostentreiber beschrieben. Gibt es tatsächlich Nachjustierungsbedarf?

Die Diskussion ist nachvollziehbar, sollte aber differenziert geführt werden. Pauschale Aussagen wie „Normen machen das Bauen teuer“ greifen zu kurz. Viele Anforderungen ergeben sich aus Gesetzen, Verordnungen oder anderen technischen Regelwerken und nicht allein aus Normen.
Natürlich kann es einzelne Bereiche geben, in denen Aufwand und Nutzen neu bewertet werden sollten. Gerade in der Haustechnik entwickeln sich Technologien sehr schnell. Deshalb verstehen wir Standardisierung als dynamischen Prozess. Wenn sich in der Praxis zeigt, dass bestimmte Anforderungen ihren Zweck nicht mehr erfüllen oder bessere Lösungen verfügbar sind, sollte darüber diskutiert werden. Voraussetzung dafür sind jedoch konkrete Vorschläge und belastbare Praxiserfahrungen.

Geht es vor allem um die Menge an Vorgaben oder eher um deren Anwendung?

Nach unserer Einschätzung liegt die Herausforderung weniger in der Anzahl der Normen als im Zusammenspiel unterschiedlichster Regelwerke und deren Anwendung in der Praxis. Häufig werden gesetzliche Anforderungen, behördliche Vorgaben, Richtlinien und Normen miteinander vermischt.
Ebenso wichtig ist die Frage, welche Anforderungen tatsächlich dem Schutz von Gesundheit, Sicherheit oder Umwelt dienen und wo es eher um Komfort oder individuelle Qualitätsansprüche geht. Diese Unterschiede klarer herauszuarbeiten, kann wesentlich dazu beitragen, Komplexität zu reduzieren.

Wie weit lassen sich Normen zurücknehmen, ohne Sicherheit, Qualität und Verlässlichkeit zu gefährden?

Sicherheit, Gesundheitsschutz und andere gesetzliche Schutzziele sind aus unserer Sicht nicht verhandelbar. Innerhalb dieses Rahmens muss jedoch regelmäßig geprüft werden, ob bestehende Lösungen noch zeitgemäß sind oder ob sich gleiche Ziele inzwischen einfacher oder wirtschaftlicher erreichen lassen.
Normen sind deshalb keine starren Regelwerke. Sie werden laufend weiterentwickelt und spätestens alle fünf Jahre überprüft. Erfahrungen aus der Praxis spielen dabei eine zentrale Rolle. Wenn Anwender feststellen, dass bestimmte Anforderungen verbessert oder vereinfacht werden können, sollten diese Rückmeldungen aktiv in den Normungsprozess eingebracht werden.

Wie sieht es bei alternativen Lösungen mit Haftung, Gewährleistung und Versicherbarkeit aus?

Normgerechte Lösungen bieten allen Beteiligten einen bewährten und gut nachvollziehbaren Weg, den Stand der Technik nachzuweisen. Deshalb schaffen sie hohe Rechts- und Planungssicherheit.
Davon abweichende Lösungen sind grundsätzlich möglich. Sie erfordern jedoch meist einen höheren Nachweisaufwand. Planer und Ausführende müssen nachvollziehbar belegen können, dass Sicherheit, Funktion und Qualität in gleicher Weise gewährleistet sind. Im Streitfall orientieren sich Gerichte und Sachverständige häufig an anerkannten Normen, weil sie eine objektive Vergleichsgrundlage bieten.
Gerade deshalb sehen wir Normen nicht als Einschränkung, sondern als Hilfestellung. Wer bewusst einen anderen Weg wählt, übernimmt dafür auch eine entsprechend größere Verantwortung.

Viele Planer und Installateure entscheiden sich aus Sicherheitsgründen lieber für die normgerechte Lösung. Ist diese Vorsicht Teil des Problems?

Diese Vorsicht ist grundsätzlich nachvollziehbar. Normen geben Planern und ausführenden Unternehmen Sicherheit und erleichtern den Nachweis, dass nach dem Stand der Technik gearbeitet wurde. Gleichzeitig bedeutet eine Norm nicht automatisch den technisch höchstmöglichen Standard. Sie beschreibt vielmehr eine bewährte und allgemein anerkannte Mindestqualität.
Normen verfolgen nicht das Ziel, das technische Maximum oder einen Luxusstandard festzulegen. Sie beschreiben vielmehr bewährte Lösungen, mit denen der Stand der Technik und die angestrebten Schutzziele zuverlässig erreicht werden können. Darüber hinausgehende Qualitäts- oder Komfortansprüche können selbstverständlich vereinbart werden, sie sind aber nicht automatisch Inhalt einer Norm. In der öffentlichen Diskussion entsteht manchmal der Eindruck, Normen würden grundsätzlich die aufwendigste oder teuerste Lösung verlangen. Das entspricht jedoch nicht ihrem Zweck. Ziel einer Norm ist es, einen praxiserprobten und allgemein anerkannten Weg zur Erfüllung des Standes der Technik zu beschreiben – nicht die technisch aufwendigste Ausführung.
Gerade bei Themen wie dem Schallschutz zeigt sich, warum Mindestanforderungen sinnvoll sind. Was für einen Bauherrn heute verzichtbar erscheint, kann bei einem späteren Eigentümerwechsel oder einer anderen Nutzung des Gebäudes durchaus relevant werden. Normen berücksichtigen deshalb nicht nur den aktuellen Einzelfall, sondern die langfristige Gebrauchstauglichkeit eines Bauwerks.

Wer entscheidet letztlich, was vertretbar ist?

Maßgeblich sind zunächst die gesetzlichen Schutzziele sowie die vertraglichen Vereinbarungen zwischen den Beteiligten. Kommt es zu Meinungsverschiedenheiten oder Schadensfällen, beurteilen Gerichte und Sachverständige, ob der Stand der Technik eingehalten wurde.
Normen spielen dabei eine wichtige Rolle, weil sie den allgemein anerkannten Stand der Technik dokumentieren. Sie sind jedoch nicht die einzige Möglichkeit, diesen nachzuweisen. Wer alternative Lösungen wählt, muss allerdings überzeugend darlegen können, dass diese die gleichen Anforderungen erfüllen.

Wie lässt sich experimentelles oder vereinfachtes Bauen rechtssicher gestalten?

Grundsätzlich ist das möglich – allerdings nicht allein durch einzelne Bauprojekte oder die Standardisierung. Es braucht klare rechtliche Rahmenbedingungen und ein abgestimmtes Zusammenspiel zwischen Gesetzgeber, Standardisierung, Planenden, Ausführenden und Bauherrschaft.
Wichtig ist außerdem eine belastbare Datengrundlage. Derzeit wird häufig pauschal behauptet, Normen seien der wesentliche Kostentreiber. Tatsächlich wissen wir aber oft noch zu wenig darüber, welche Anforderungen welche Kosten verursachen und wo Vereinfachungen tatsächlich möglich wären. Genau deshalb braucht es Forschung, Pilotprojekte und eine faktenbasierte Diskussion. Nur auf dieser Grundlage können Regelwerke gezielt weiterentwickelt werden.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen von Vereinfachung?

Dort, wo Sicherheit, Gesundheitsschutz oder andere gesetzliche Schutzziele berührt werden, gibt es aus unserer Sicht klare Grenzen. Diese Anforderungen dürfen nicht zugunsten kurzfristiger Einsparungen aufgeweicht werden.
Anders sieht es bei Bereichen aus, in denen unterschiedliche technische Lösungen zum gleichen Ergebnis führen können. Hier lohnt sich die Diskussion, ob bestehende Anforderungen noch zeitgemäß sind oder ob Innovationen dieselbe Qualität wirtschaftlicher erreichen können. Entscheidend ist immer, dass Nutzen und Aufwand in einem angemessenen Verhältnis stehen.

Experten kritisieren, dass eine starre Normenanwendung Innovationen verhindert. Wie kann Austrian Standards mehr Spielraum schaffen?

tandardisierung soll Innovation nicht verhindern, sondern sie möglichst rasch für den gesamten Markt nutzbar machen. Neue Technologien und Praxiserfahrungen sollen deshalb frühzeitig in die Normungsarbeit einfließen. Daher gehen Standardisierung und Innovation Hand in Hand.
Gleichzeitig wollen wir Normen verständlicher und anwenderfreundlicher gestalten. Auch die Digitalisierung eröffnet hier neue Möglichkeiten. Mit unserem neuen Dialogforum „Gemeinsam vereinfachen“ schaffen wir einen strukturierten Rahmen, um konkrete Verbesserungsvorschläge gemeinsam mit Wirtschaft, Wissenschaft, Behörden und Praxis zu diskutieren und dort weiterzuentwickeln, wo tatsächlich Handlungsbedarf besteht.

Bei Ihrem Baustammtisch stand das Motto „Bauen außerhalb der Norm, aber nicht abseits der Qualität“ im Mittelpunkt. Was war die wichtigste Erkenntnis?

Die zentrale Erkenntnis war, dass Innovation und Qualität kein Widerspruch sind. Alternative Lösungen können sinnvoll sein, wenn sie die gleichen Schutzziele erfüllen und ihre Praxistauglichkeit nachgewiesen wird.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Diskussion häufig sehr allgemein geführt wird. Wer Vereinfachungen fordert, sollte möglichst konkret aufzeigen, welche Anforderungen verändert werden sollten und welche Auswirkungen das hätte. Genau solche konkreten Rückmeldungen benötigen wir, damit wir diese in die Standardisierung einfließen lassen können. Denn Standardisierung lebt von Perspektivenvielfalt.

Wo sehen Sie den größten Reformbedarf im heutigen Normen- und Regelwerk?

Normen entwickeln sich laufend weiter und müssen sich ebenso an neue technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen anpassen. Reformbedarf sehen wir vor allem dort, wo Regelwerke unnötig komplex werden oder unterschiedliche Vorgaben nicht ausreichend aufeinander abgestimmt sind.
Ebenso wichtig ist eine klarere Trennung zwischen gesetzlichen Schutzzielen und technischen Lösungswegen. Nur wenn transparent wird, welche Anforderungen unverzichtbar sind und wo Gestaltungsspielräume bestehen, lässt sich die Diskussion über Vereinfachungen sachlich führen.

Welche Rolle spielt Austrian Standards in diesem Prozess?

Unsere Aufgabe ist es nicht, politische Entscheidungen zu treffen oder technische Anforderungen vorzugeben. Wir verstehen uns als neutrale Plattform, auf der Wirtschaft, Wissenschaft, Behörden und Anwender gemeinsam tragfähige Lösungen entwickeln.
Dabei übersetzen wir mit über 5.000 Expertinnen und Experten Praxiserfahrungen in Standards und sorgen dafür, dass unterschiedliche Interessen zusammengeführt werden. Standardisierung lebt von der Mitwirkung der Fachleute. Deshalb steht die Teilnahme an der österreichischen Normungsarbeit grundsätzlich allen Interessierten offen und ist bewusst niederschwellig gestaltet.

Wie offen ist Austrian Standards für Pilotprojekte, bei denen bewusst außerhalb klassischer Normpfade gearbeitet wird?

Sehr offen. Pilotprojekte und neue technische Ansätze können wertvolle Erkenntnisse liefern und wichtige Impulse für die Weiterentwicklung von Normen geben. Voraussetzung ist allerdings, dass die Ergebnisse nachvollziehbar dokumentiert werden und ihre Gleichwertigkeit hinsichtlich Sicherheit, Funktion und Qualität nachgewiesen wird.
Entscheidend ist, dass diese Erfahrungen nicht bei einzelnen Projekten bleiben, sondern der gesamten Branche zugutekommen. Genau darin sehen wir eine wesentliche Aufgabe der Standardisierung: bewährte Innovationen für alle verfügbar zu machen und gleichzeitig Vertrauen, Vergleichbarkeit und Rechtssicherheit zu gewährleisten.
Normen sind bewährte Lösungen für aktuelle Herausforderungen, die durch die sorgfältige Zusammenarbeit von Branchenexpertinnen und -experten entstehen. Transparenz spielt dabei eine zentrale Rolle: Die an Normungsprojekten beteiligten Organisationen sind auf unserer Website öffentlich einsehbar, und zu Normentwürfen kann jede und jeder unkompliziert Stellung nehmen. Wer Standards weiterentwickeln und verbessern möchte, ist eingeladen, eigene Praxiserfahrungen und Fachkenntnisse einzubringen.

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