Georg Patay bleibt auch als aktiver Pensionist der SHK-Branche verbunden und kommentiert mit seiner mehr als 30jährigen HLK-Expertise in unterschiedlichen Managementfunktionen und Verbänden exklusiv für SHK-AKTUELL unterschiedliche Haustechnikthemen aus seinem Blickwinkel.
Die globale Energie- und Klimapolitik steht vor einer scheinbar unlösbaren Herausforderung: Warum sollten wir Europäer unser Verhalten ändern, wenn andere große CO₂-Emittenten wie die USA oder China weiterhin günstige fossile Energie nutzen und ihren Energieverbrauch steigern? Wie kann Kooperation gelingen, wenn alle Akteure zwar voneinander abhängig sind, sich aber gleichzeitig gegenseitig blockieren? Mögliche Antworten auf diese Fragen lassen sich auch aus der Hirnforschung und der Soziologie ableiten.
Der Neurobiologe Prof. Gerald Hüther beschreibt das menschliche Gehirn als ein System, das stets nach energetischer Effizienz strebt und sich auch „im Betrieb“ umbaut. Neue neuronale Verbindungen entstehen jedoch nur durch regelmäßige Wiederholung und positive Erfahrungen. Permanente Angstbotschaften hingegen führen zu Blockaden im Gehirn und verfestigen den Status quo. Übertragen auf die Defossilisierung bedeutet das: Angstbasierte Klimakommunikation erzeugt keine nachhaltige Verhaltensänderung bei Konsumentinnen und Konsumenten, sondern nur Widerstand. Ein echter Wandel gelingt dann, wenn neue Lösungen einen spürbaren Mehrwert bieten – etwa niedrigere Kosten, höhere Versorgungssicherheit oder mehr Komfort. Wenn erneuerbarer Strom günstiger ist als fossile Energie oder der öffentliche Verkehr schneller und bequemer als das Auto, bzw. Wärmepumpen heizen und kühlen, erfolgt der Wandel nahezu automatisch. Klimapolitik muss daher innovative und attraktive Alternativen zulassen, die dann als „Vorbildnetzwerke“ wirken und sich gesellschaftlich verbreiten.
EU muss bei Klimafragen vorangehen
Die Soziologie beschreibt die internationale Klimapolitik als klassisches Gefangenendilemma: Wenn niemand beginnt, verlieren alle. Wenn jedoch einige Akteure mutig vorangehen, profitieren langfristig alle. Die empirische Forschung zeigt, dass wenige entschlossene Akteure ausreichen, um ganze Systeme zu verändern. Voraussetzung dafür sind Verlässlichkeit und Ausdauer statt eines politischen Zickzackkurses. Europa könnte diese Führungsrolle wieder übernehmen, da es in Schlüsseltechnologien wie Elektrolyseuren für grünen Wasserstoff, Leistungselektronik, KI, Quantenphysik, zuverlässige Stromübertragung oder CCS-Technologien über starke industrielle und wissenschaftliche Kompetenzen verfügt. Diese Stärken müssen konsequent weiterentwickelt werden. Gleichzeitig bietet die Abwanderung von Forschungs- und Entwicklungsressourcen aus den USA eine strategische Chance für Europa – Trump sei Dank!
Kleine Schritte
Auch das Gehirn verändert sich nicht abrupt, sondern nur schrittweise. Neue Strukturen entstehen zunächst lokal und breiten sich dann aus. Die Energiewende muss daher evolutionär gestaltet und nicht ideologisch getrieben sein: Bestehende Strukturen dürfen nicht vorzeitig abgeschaltet werden, bevor die Neuen zuverlässig funktionieren. Zudem werden kleine Effizienzmaßnahmen und Energiesparpotenziale häufig unterschätzt, obwohl sie kostengünstig und sofort wirksam sind. Innovation entsteht dort, wo Freiräume bestehen und nicht durch Denkverbote eingeschränkt werden. Forscherinnen und Forscher müssen technologieoffen „spielen“ dürfen, um neue Lösungen zu entwickeln – etwa für den aktiven CO₂-Entzug aus der Atmosphäre. Österreichische Beispiele sind integrierte Energiesysteme, die bestehende Infrastruktur nutzen, wie das APG-Speicherkonzept, bei dem erneuerbarer Wasserstoff und CO₂ in alte Erdgaslagerstätten eingebracht werden, um auf natürlichem Weg grünes CH₄ zu erzeugen. Ebenso hybride Motor- und Speicherlösungen nach dem systemischen Ansatz von Frank Obrist, der grünes Methanol weltweit als CO₂-Senke nutzbar machen will.
Fazit und Ausblick
Europa kann seinen Führungsanspruch zurückgewinnen, wenn es die Energiewende als integriertes Systemprojekt versteht und konsequent auf seine Stärken setzt: investieren, technologisch offen bleiben und international kooperieren. Besonders Partnerschaften mit Ländern mit hohem Solar- und Windpotenzial sind für den Industriestandort Europa entscheidend. Gleichzeitig müssen das EU-Bildungssystem sowie F&E und Infrastruktur gezielt ausgebaut werden, um ein stabiles Fundament für die industrielle Basis von morgen zu schaffen. Ein technologieoffener Green Deal 2.0 ist für Europa unverzichtbar, um neue innovative Energielösungen skalierbar für die ganze Welt anbieten zu können.






